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Let’s go to Ludwigshafen. Doch, wirklich.

Let’s go to Ludwigshafen. Doch, wirklich.

Failing City — Timo Schuster · Bilder · English version

Es gibt Städte, in die man fährt, und Städte, durch die man fährt, und dann gibt es Ludwigshafen am Rhein. Durch Ludwigshafen fuhr man jahrzehntelang buchstäblich über, auf Stelzen nämlich, auf einer Hochstraße, die so selbstbewusst durch die Innenstadt geschlagen wurde, als hätte die Stadt beschlossen, sich selbst am liebsten aus zehn Metern Höhe und mit achtzig Stundenkilometern zu betrachten. Das war in den Sechzigern, als man noch glaubte, die Zukunft sei aus Beton und habe eine Abfahrt Richtung BASF. Inzwischen wird die Zukunft wieder abgerissen. Das ist in Ludwigshafen ein eigenes Genre.

„Failing City“ steht ganz oben auf letsgotoludwigshafen.de, der Website des Fotografen Timo Schuster. Er ist dort in einer Arbeiterfamilie aufgewachsen, lebt heute in Berlin und kommt trotzdem immer wieder zurück, also aus jener Richtung, aus der man normalerweise nicht nach Ludwigshafen zurückkommt, sondern höchstens aus Versehen, weil man in Mannheim die falsche Brücke genommen hat. Der Titel klingt wie ein Urteil, ist aber eher eine Liebeserklärung in der einzigen Form, die man einem solchen Ort glaubt: mit hängenden Schultern, leicht verlegen, aber hartnäckig.

Man muss sich das Projekt als Archiv des Verschwindens vorstellen. Da ist die Walzmühle, eine Getreidemühle, die irgendwann zur Einkaufsmall umgebaut wurde, weil man in Deutschland aus jeder Kathedrale der Arbeit früher oder später einen Ort macht, an dem man Handyhüllen kaufen kann. Heute steht davon noch die Fassade, als hätte jemand beim Abriss aus Pietät die Kulisse stehen lassen. Dahinter ist viel weg, und was als Einkaufszentrum übrig ist, steht leer und verfällt in jenem gemächlichen Tempo, das nur Immobilien haben, um die sich niemand mehr streitet. Auf der Website gibt es eine Unterseite, die einfach „Sprengung“ heißt. Mehr muss man über Stadtentwicklung im Südwesten eigentlich nicht wissen.

Und doch, das ist die Pointe, die sich kein Romancier trauen würde: In einem der alten Gebäude sitzt das Ernst-Bloch-Zentrum. Bloch wurde in Ludwigshafen geboren, und man kann nur ahnen, wie viel Hoffnung man als Kind braucht, wenn man jeden Morgen auf ein Chemiewerk von der Größe eines Kleinstaats schaut. Ausgerechnet der Philosoph des „Prinzips Hoffnung“ hält nun in der Ruine einer Shoppingmall die Stellung, wie ein Nachtwächter der Utopie, der vergessen hat, dass Feierabend ist. Schuster hat dort 2018 ausgestellt, unter dem Titel „Utopie aus Industrie – Von der Walzmühle zur Denkfabrik“. Man könnte sagen, die Walzmühle hat damit alle drei Aggregatzustände der deutschen Nachkriegsmoderne durchlaufen: Arbeit, Konsum, Reflexion. Nur die Kundschaft ist bei der zweiten Stufe ausgestiegen.

Da sind die Hochstraße 1 und die Hochstraße 2, fotografiert wie Saurierskelette im Naturkundemuseum, kurz bevor man sie ins Depot räumt. Und da war das Rathauscenter, eine Kombination, auf die überhaupt nur eine Stadt kommen konnte, die Verwaltung und Shopping für zwei Spielarten desselben Wartens hielt: Man zog eine Nummer und hoffte. Inzwischen gibt es das Rathauscenter nicht mehr, und es ist mit großer Konsequenz verschwunden, gründlicher jedenfalls, als es je funktioniert hat. Auf Schusters Website existiert es weiter, als Unterseite, was in Ludwigshafen zunehmend die Form ist, in der Gebäude überleben. Und da sind die Busfahrten, „Busfahrt 1“, „Bus“, die Ludwigshafen aus der Perspektive zeigen, aus der die meisten Ludwigshafener es tatsächlich kennen: durch eine verschmierte Scheibe, zwischen zwei Haltestellen, die beide nicht das Ziel sind.

Ludwigshafen hat ja, man vergisst das gern, eine gewisse Begabung für berühmte Söhne, die dann woanders berühmt sind. Helmut Kohl kam aus Oggersheim, das stadtrechtlich zu Ludwigshafen gehört, was die Oggersheimer bis heute nicht ganz verwunden haben. Und dann ist da noch Frank Black von den Pixies, der laut Website einen Song über Ludwigshafen geschrieben hat. Ein amerikanischer Indie-Rocker singt über Ludwigshafen. Das ist ungefähr so, als würde Patti Smith ein Album über Castrop-Rauxel aufnehmen, und gerade deshalb ist es großartig.

Schuster fotografiert Randorte, leere Räume, Orte im Übergang. Er arbeitet, so steht es da, mit Fragmenten, weil sich das gegenwärtige Leben nur noch in Fragmenten zeigt. Das ist eine kunsttheoretische Position, in Ludwigshafen ist es aber auch einfach eine Ortsbeschreibung. Diese Stadt besteht aus Fragmenten: aus Brückenköpfen, Unterführungen, Parkhausrampen, Fassaden, hinter denen früher etwas war, und aus diesem besonderen Licht, das entsteht, wenn die Sonne über dem Rhein steht und auf Waschbeton fällt. Pfälzer Toskana sagt dazu niemand. Sollte man aber vielleicht.

Ausgestellt hat er das bezeichnenderweise vor allem dort, wo die Stadt selbst schon ausgezogen ist: in einem Leerstand, im stillgelegten Hallenbad Nord, als Projektion auf das Kraftwerk. Die Bilder hängen also in den Ruinen genau jener Moderne, deren Ruinen sie zeigen. Das hat etwas Rekursives, wie bei einem Spiegel, den man in einen Spiegel hält, nur dass hier am Ende kein unendlicher Korridor erscheint, sondern ein Parkplatz.

Man könnte das alles für Elendstourismus halten, für dieses inzwischen ziemlich abgegriffene Vergnügen, sich in hässlichen Städten schön zu gruseln. Das ist es aber nicht, und zwar deshalb, weil auf diesen Bildern niemand von oben herab schaut, nicht einmal von der Hochstraße. Es ist der Blick von jemandem, der hier mit dem Bus zur Schule gefahren ist und weiß, dass „Failing City“ nicht das Gegenteil von Heimat ist, sondern oft ihre ehrlichste Form. Andere Städte haben Altstädte. Ludwigshafen hat Abrissstellen, und die erzählen manchmal mehr.

Also: Let’s go to Ludwigshafen. Am besten bald, solange noch etwas steht. Und falls nicht mehr: Fotos gibt es ja.

Hinweis: Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt.

← Zu den Bildern: Failing City / Ludwigshafen am Rhein, 2006–2026