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1972-

Da war jemand draußen vor meiner Tür. Zum zehnten Mal ging ich zur Wohnungstür und starrte minutenlang durch den Türspion. Ich hatte Hunderte von Euro ausgegeben, um eine Stahltür und ein neues Schloss einzubauen, nachdem ich zweimal die Polizei in einer Nacht gerufen hatte. Jetzt zitterten meine Knie und ich war sicher, dass sie Gas in meine Wohnung einleiten würden. Am nächsten Tag erzählte ich meinen Freunden davon, und sie boten mir an, bei ihnen zu übernachten. Ich machte auch einen Termin beim Psychiater. Mittlerweile verdächtigte ich sogar harmlose U-Bahn-Mitfahrer als Spione. Ich war überzeugt, dass ich Hilfe brauchte, wenn ich so terrorisiert würde. Der Psychiater hörte sich meine Geschichte an und verschrieb mir 6 Mg Risperidon. Danach wurde es ruhiger und nebeliger. Mein Zustand verbesserte sich. Aber ich zahlte dafür einen hohen Preis. Denn mit der Psychose vertrieben die Medikamente auch meinen künstlerischen Tatendrang. Zuvor hatte ich viel fotografiert, nun nicht mehr. Es entstand eine Leere in meinem Leben, als das Fotografieren plötzlich aufhörte.

Ein Blick zurück ins Jahr 1999: Die Sonne blinzelte und ich wachte draußen auf einer Parkbank auf. Am Ende der U-Bahn-Linie hatte ich mich betrunken ausgestiegen und mich hingelegt. Das war der Höhepunkt meines Weges aus der Provinz in die große Werbewelt. Aus irgendeinem Grund hatte ich damals das Bedürfnis, mich in dieser Welt zu beweisen. Im Rahmen meines Studienpraktikums hatte ich es in die Strategieabteilung einer großen Werbeagentur in Hamburg geschafft. Ein weiterer Höhepunkt folgte in Hamburg: Ich war nackt Schlafgewandelt und hatte mich ausgesperrt. Ich hätte gute Gründe gehabt, mir diesen Wahn in der Agentur nicht anzutun. Ein halbes Jahr vorher hatte ich einen MS Schub. Keine körperlichen Schäden waren zurückgeblieben, aber psychisch war ich angeschlagen. Die Beine hatten sich taub angefühlt, gehen konnte ich noch. Letztendlich bin ich im Krankenhaus gelandet. Dort wurde ich mit Cortison geflutet. Die Störungen gingen zurück. Im Krankenhaus bekam ich ein Telefonat eines Mannes mit der sich von Jemand für immer verabschiedet. Danach REHA, die ich aber abbrach. Das Schicksal der anderen Patienten ging mir zu Nahe. Meine Familie und meine Freunde standen mir Nahe und fingen mich in der Situation auf. Die Ungewissheit was kommen könnte war dabei das Schlimmste.

Als Kind war ich stark in die katholische Kirche involviert und besuchte sie dreimal pro Woche. Dienstags war ich Messdiener im Gottesdienst, freitags sang ich im Kinderchor und besuchte den Gottesdienst, und sonntags war der große Gottesdienst. Als ich das erste Mal beichtete, öffnete ich die Tür zum Beichtstuhl und schloss sie sofort wieder. Ich hatte erwartet, dass dort ein Stuhl wäre, aber da war keiner. Obwohl ich eigentlich nicht gläubig war, genoss ich den Kontakt zu anderen Kindern und das Transzendente tat mir gut. Natürlich gab es auch Ausnahmen, wie als eine Schwester Ende der 70er Jahre zu uns sagte: “Wenn man an den Teufel denkt, kommt man in die Hölle”. Abends lag ich dann im Bett und versuchte verzweifelt, nicht an den Teufel zu denken. Was blieb von dieser Zeit? Meine Liebe zu Ritualen, Pathos und Inszenierung. 2019 projizierte ich im Waschsalon in Mannheim ein Film-Triptychon mit dem Titel “Sünde-Schuld-Reinigung” mit dem INDUSTRIETEMPEL.

Nach der Realschule begann ich eine Ausbildung zum Energieelektroniker bei BASF, die ich später abschloss. Jedoch interessierte mich der Beruf nicht wirklich. Meine Kollegen kamen aus pfälzischen Dörfern und jagten Asylanten oder fuhren mit ihren Motorrädern falsch herum von der Autobahnausfahrt. Ein Auszubildender hatte einen Kampfhund, den er in einem Raum einsperrte und mit Reizgas besprühte, um den Hund aggressiver zu machen. Stattdessen las ich täglich den SPIEGEL, die Zeit und Tempo und hatte in meinem Blaumann ein Buch von Charles Bukowski versteckt, das ich alleine im Schaltraum las. Diese tägliche Routine der Arbeiter hat mich aufgerieben. Ich arbeitete noch zwei Monate weiter, aber ein Kollege war in seinem Verhalten bereits auf die kommenden 40 Jahre eingestellt. Die Arbeit war ein Desaster. Wir sollten Montagearbeiten in einem bestimmten Zeitrahmen fertigstellen, aber mir gelang es nie. Mir war jedoch klar, dass ich nur diese zwei Monate durchhalten würde. Damals gab es noch Bier in der Kantine, das günstiger war als Wasser. Aus einem Arbeiterhaushalt kommend war es für mich logisch eine Ausbildung in der BASF zu absolvieren. Meine Noten waren damals nicht gut genug um Abitur zu machen. Zum Ende der Lehre war ein Studium das Ziel.

Die Hochschule konnte ich durch einen Waldspaziergang erreichen. Ich konnte den Aufenthalt in der Provinz nur durch regelmäßige Besuche bei Freunden in Köln und Berlin ertragen. Nach dem Abschluss meines Studiums zog ich nach Berlin, wo ich für ein Kurzfilmfestival arbeitete und Programme organisierte.

In Berlin kuratierte ich Kurzfilmprogramm für ein Festival und beantragte Fördergelder aus der EU. Ich war sogar in der glücklichen Lage, mit meinem Kurzfilmprogramm nach Paris eingeladen zu werden. Ich habe die Bilanz so umstrukturiert, dass sie förderungswürdig wurde. Der Buchhalter des Festivals war von den Veränderungen überwältigt. Zusammen mit Roman Coppola, dem Sohn von Francis Ford Coppola, habe ich ein Kurzfilmprogramm mit innovativen Regisseuren wie Music Videos – Ninja Tunes & The Directors Bureau ins Leben gerufen. Wir hatten sogar das Glück, uns mit Karl Bartos (KRAFTWERK 1975-1990) zu treffen und Zeit mit ihm an der Bar zu verbringen. Leider scheiterte ein geplanter Konzertveranstaltungsplan, weil er einen Vorschuss verlangte. Später gab es ein Desaster in einer Media-Agentur, die mich nach einem halben Jahr entließ. Ich war erleichtert, weil ich endlich wieder schlafen konnte, nachdem ich sechs Monate lang Schlaftabletten eingenommen hatte.

Von 2006 bis 2010 widmete ich mich intensiv der Fotografie und hatte 2007 eine sehr erfolgreiche Ausstellung. Ich ging jeden Tag raus, um zu fotografieren. 2009 begann ich, meine Wohnungstür von innen mit Ketten zu sichern und war fast ausschließlich in menschenleeren Gegenden unterwegs. Ich fuhr nach Potsdam und lief von dort aus durch die Landschaft. Obwohl ich auch viele glückliche Momente hatte, war die Kombination aus Ehrgeiz und Isolation gegen Ende 2009 zu viel für mich und ich geriet in eine Psychose. Dies lag auch daran, dass zu dieser Zeit die sozialen Medien gerade erst anfingen, an Bedeutung zu gewinnen und es Tage gab, an denen ich mit niemandem Kontakt hatte.

Fünf Jahre lang musste ich warten, bis ich wieder richtig in die Fotografie einsteigen konnte. In dieser fotolosen Zeit absolvierte ich meine dritte Ausbildung als Fachinformatiker im Brandenburger Land. Die Teilnehmer waren alle ein wenig exzentrisch, ähnlich wie ich. Ein Teilnehmer fragte mich, ob er und seine Geliebte in Gästezimmer meiner Mutter übernachten könnten, er war adipös und von ihr immer eine Torte geschickt bekam. Ein anderer Teilnehmer stellte sich als Mann mit eigenem Haus und Pool vor, aber am Ende hatte er nur einen Aufstellpool und wohnte bei seiner Mutter im Keller. Danach wurde ich in Ruhe gelassen und es folgten Ausstellungen und Berichte über mich und meine Arbeit als Künstler. Letztendlich ist es immer eine Suche nach dem eigenen Platz in der Welt, geprägt von Herkunft, Unsicherheit, Talent und Zielen. Mit 45 Jahren hatte ich meinen Platz gefunden.

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2017 wollte ich unbedingt Ausstellen. Nach intensiven Netzwerken nahm ich an einer Ausstellung in Ludwigshafen teil. Die Ausstellung war in der Fußgängerzone. In den drei Wochen kamen über 400 Besucher. Mental war alles ok. Während der Ausstellung gab es ein neues Motte für das Jahr 2019, ausgeschrieben vom Rheinland-Pfälzischen Kultursommer: Industriekultur.
Mit dem Wissen bewarb ich mich bei Örtlichen Ernst-Bloch Zentrum. Sendete die Links zu meiner Webseite mit den Aufnahmen aus dem Jahr 1993 der Ludwigshafener Walzmühle. Es folgte ein Treffen und die Festsetzung des Ausstellungstermins.

2019 folgte eine Film-Projektion von einem Tryptichon in einem Mannheim Waschsalon, 4 Wochen, nonstop. In Kooperation mit dem Mannheim INDUSTRIETEMPEL e.V.

Nach einem Stipendium am Ende des Jahres 2020, kam 2021 das Buch zur Walzmühle heraus. Zusammen mit Arne Winkelmann der die Grafik und Texte erstellt hatten wir Förderer gefunden die uns halfen in Druck zu gehen.

Nach dem zweiten Lockdown 2020 fing ich an, Stimmen von draußen zu hören. Sie waren gegen mich gerichtet und machten mir Angst. Anfangs glaubte ich ihnen, obwohl mir Freunde versicherten, dass es sich um Fiktion handelte. Erst nach einer Weile erkannte ich, dass die Stimmen nicht real waren.

Im Sommer 2021 bereitete ich eine Ausstellung vor, was sehr stressig war. Eines Tages saß ich in einem Café und hörte ein Paar in der Nähe über einen Fotografen reden – ein Wort, das zu mir passte. Diese Situation löste bei mir wieder Stimmen aus. Im Sommer passiert das häufiger, weil viele Menschen draußen sitzen und sich unterhalten. Ich höre dann Wortfetzen, die sich auf mich beziehen.

Die Intensität der Stimmen hängt davon ab, wie oft ich in der Vergangenheit mit Menschengruppen zu tun hatte. Als ich zwei Tage lang fotografiert und verschiedene Städte besucht hatte, hörte ich am dritten Tag meine Verwandtschaft laut und deutlich über mich reden. Das war sehr belastend für mich. Ich fühlte mich verfolgt und allein gelassen. Ich wusste zwar rational gesehen, dass es nicht real war, aber es hörte sich so echt an.

Um mit den Stimmen umzugehen, nahm ich ein Betäubungsmittel. Das half mir, die Stimmen zu ignorieren. Alternativ könnte ich auch eine höhere Dosierung meines Neuroleptikums einnehmen, das ich bereits nehme. Allerdings würde das meine Kreativität beeinträchtigen, was für meine Arbeit als Fotograf wichtig ist. Zum Glück habe ich Freunde, die mir versichern, was real und was nicht real ist. In letzter Zeit kann ich das jedoch auch selbst besser einschätzen und mit den Stimmen leben.

Stand jetzt habe ich das Tavor reduziert und schleiche es aus. Zurzeit geht es mir gut. Ich laufe viel und habe wahnsinnig viel Spaß am Fotografieren. Das Tun ist das Ziel.